Backstage

Wenn der Traum vom Märchenprinzen für ein paar Stunden wahr wird…

Zauberhaft ist die Welt von Aschenbrödel – nicht nur auf der Bühne, sondern auch dahinter. Bereits verkabelt und geschminkt  übt Aschenbrödel mit ihrem Prinzen das Bogenschiessen. Das Paar steht der Journalistin geduldig und gelassen Red und Antwort. Nochmals werden mit den Musikern auf der Bühne schwierige Passagen geprobt. Die letzten Requisiten werden platziert und die Türen mit Holzkeilen fixiert, damit sie während der Aufführung offen bleiben. „Die Bühne ist etwas ungewohnt, da sie schräg abfällt. Das müssen wir bei dieser Aufführung miteinbeziehen“, erklärt Michael Müller, der Vincent und Willi spielt. „Aber sonst ist dieses Theater wirklich sehr charmant.“ Die böse Stiefmutter wird in grüne Seide gehüllt und ihre Lieblingstochter Dolchen in pinkigen Tüll. Die blonden Locken des Aschenputtels werden von den Lockenwicklern befreit und sorgfältig unter der weissen Haube versteckt. Noch etwas entspannen, ein Blick aufs Natel, ein Schluck warmer Tee und ein letzter Bissen vom Sandwich, spendiert vom Haus.
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Kinder verleihen dem Stück eine besondere Dynamik
Auch das Lampenfieber darf nicht fehlen. „Dies gehört vor jeder Vorstellung dazu“, meint das Aschenbrödel alias Julia Hiemer. Für sie, wie auch ihren Prinzen Thorin Kuhn, gehört „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ einfach zu Weihnachten wie der Tannenbaum und die Geschenke. „Dieses Stück stimmt Gross und Klein auf Weihnachten ein – wer kennt nicht die bekannte Melodie des gleichnamigen Märchenfilms“, so Kuhn. Ein besonderes Vergnügen ist es für die beiden Hauptdarsteller, vor den Kindern zu spielen. Sie sind sich einig: „Mit Kindern im Publikum bekommt das Stück eine ganz spezielle Dynamik. Sie lachen herzlich und lassen sich völlig auf das Stück ein. Sie zünden einen Funken, der sich auf uns überträgt, uns motiviert und puscht – ein tolles Gefühl.“ Besonders angetan habe es Hiemer die Szene, als Aschenbrödel die Tauben um Hilfe bitte. „Diese ist zusammen mit dem Duett mit dem Prinzen eine meiner Lieblingsstellen. Sie hat so einen besonderen Zauber inne.“
Das Oltner Publikum lässt sich vom Witz und Charme des Familienmusicals anstecken und begleitet das Aschenbrödel auf seinem Weg zum Schloss, bzw. zum Herzen des Prinzen. Und für ein paar Stunden wird für die weiblichen Besucher der Traum vom Märchenprinzen wahr … Ein ganz besonders Märchenerlebnis für Jung und Alt, das mit grossem Applaus verdankt wird und sicher noch lange in Erinnerung bleibt._M3_8810

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Backstage

„Jedes Mal ein neues Abenteuer“

Maurice Steger hat schnelle Finger – blitzschnell rasen sie über den Holzkörper seiner Blockflöte:  Wie ein Hexenmeister entlockt er ihr virtuose barocke Klänge. Mit einer unglaublichen Leichtigkeit tanzen die Töne trillernd und zwitschernd nach seiner Regie.Er kitzelt, streichelt und liebkost seine Blockflöte mit grosser Inbrunst  und unvergleichbarer Virtuosität: Hüpfend, lebendig und dynamisch kullern die Töne aus der Flöte. Unverkennbar, welch grossen Spass Steger an diesem Spiel hat.

„Das Oltner Publikum ist grandios“
_M3_9751_M3_9918Locker und doch effizient geht es beim Proben auf der Bühne mit dem Orchester „I barocchisti“  zu und her. Schnell noch eine Bemerkung, ein  kurzes Lachen und schon absolviert Steger konzentriert seinen Part. Bereits zum fünften Mal trete er im Stadttheater Olten auf. Es mache ihm immer Freude hier zu spielen. Mit dem Direktor verbinde ihn eine schöne Freundschaft. „Ich lasse bei jedem Konzert aufs Neue die Seele dieses leblosen Instrumentes erklingen. Das ist immer wieder ein Abenteuer, denn Blockflöten haben keinen Resonanzkörper“, erklärt Steger. Er freue sich immer, wenn er das Publikum mit seiner Musik faszinieren und berühren könne. „Ich erzähle mit meinen Blockflöten eine musikalische Geschichte und möchte die Zuhörer natürlich emotional berühren“, so Steger. Auf der Bühne realisiere man schnell, wie präsent das Publikum sei. „Hier in Olten ist das Publikum immer grandios und auch ich komme auf der Bühne immer voll auf meine Kosten.“ Die begeisterten Zuhörer und Fans entlassen den Blockflötenvirtuosen nicht ohne Zugabe. Ein wundervolles Konzert und eine Win-win-Situation für alle Beteiligten – Solist, Orchester und Publikum. _M3_0607

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Märchen

Wölfe sind keine Katzen

Wölfe sind keine Hunde und schon gar keine Katzen. Wölfe sind Wölfe. Im Rudel, und doch unabhängig und einsam. Sie zu zähmen ist äusserst schwierig, sie anzuleinen und wie Hunde zu halten, kann tödlich sein. Sperrt man sie ein und nimmt man ihnen ihre Freiheit, fletschen sie die Zähne, knurren, heulen und greifen an. Hunde jedoch sind ihrem Herrchen treu ergeben, folgen ihm Schritt auf Tritt und winseln, sperrt man sie aus.
Katzen, ja Katzen sind eigenwillig, geschmeidig, lautlos aber auch anhänglich und verschmust. Schnurren und zärtliche Blicke sind Liebesbeweise an Frauchen und Herrchen. Wölfe hingegen sind Raubtiere, sie bringen selten Liebesbeweise. Der Instinkt lenkt und führt sie. Die Natur ist ihr Refugium. Ihre normale Sozialordnung ist das Rudel. Ab und zu begegnet man in der Wildnis jedoch einzelnen Tieren. Dabei handelt es sich um Mähnenwölfe, auch Steppenwölfe genannt. Er lebt im östlichen Südamerika, in den Grasländern südlich des Amazonasbeckens  und bewohnt ausschliesslich Grassavannen, die sogenannten Steppen. Mähnenwölfe sind Individualisten, sie leben und jagen alleine. Nur während der Paarungszeit, zwischen April und Juli, finden die Tiere paarweise zusammen.  Ausserhalb der Paarungszeit und der Aufzucht der Jungen durchstreifen die Tiere einzeln ein grosses Revier, das sie auch gegen Artgenossen verteidigen.
WölfeGrace schaut in die bernsteinfarbenen Augen des Wolfes. In ihnen flackert das Licht der Freiheit und Rohheit. Das Tier fasziniert sie auf seltsame Weise.   Zu gerne möchte sie in das grau-schwarze, zottige Fell greifen und das Tier streicheln, am Hals kraulen und mit der Hand sanft über die seidige Stelle zwischen den Ohren gleiten. Aber ein Wolf lässt das selten bis nie zu. Streicheleinheiten entsprechen nicht seiner Natur. Rückt sie ihm zu nahe, tänzelt er unruhig, bereit, jeden Moment die Flucht zu ergreifen. Manchmal braucht es wahre Selbstbeherrschung, dem Tier seinen Willen zulassen und es nicht zu berühren. Schon zu oft konnte Grace diesem Drang nicht widerstehen und musste dafür ein mürrisches Knurren quittieren.

Es war einfach ein prächtiges Tier. Eines Tages beim abendlichen Spaziergang hatte sie es am Waldrand bei den ersten Siedlungen entdeckt. Oder war er es, der die grosse schwarzhaarige Frau mit dem weissen Teint witterte. Nervös, suchend hatte das Tier seine Runden gedreht, seine Schnauze in Abfallsäcke gesteckt, dort und da geschnuppert. Seltsamerweise hatte Grace keine Angst vor dem Wildtier, im Gegenteil, eine Mischung aus Mitleid, Verständnis und Neugierde brachte sie dazu, dem Tier ein Stück ihres Schinkensandwiches hinzuhalten. Misstrauisch näherte sich das Tier, getrieben von Hunger und Neugierde. Dann schnupperte es zuerst zaghaft, dann vorsichtig am Schinken im Brot und schnappte sich sanft den köstlichen Happen. Von da an traf Grace das Tier fast jeden Abend an derselben Stelle. Die allabendlichen Begegnungen wurden zu einem Ritual und es schien der Wolf wartete auf Grace. So begann ihre Freundschaft. Zuerst war sie ein dünner, filigraner Faden, der  nach und nach zu einem festen, starken, regelmässig gewobenen Band  wurde.

Das fremde Revier

Der einsame Jäger wurde zutraulich und eines Abends trottete er zu Grace grossem Erstaunen neben ihr her, er folgte ihr durch das Quartier, durch den Vorgarten, durch die Haustür in ihre Stube. Dort begutachtete er ganz nach wölfischer Art, die Nase am Boden, das fremde Revier. Grace breitete ihm eine Decke aus, stellte Fleisch und Wasser hin. Speis und Trank wurden akzeptiert, doch legte sich das Raubtier lieber auf den Holzboden. Grace gab ihm Gastrecht. Er kam darauf zurück, unregelmässig, spontan und ungebunden. Mal war er da, mal nicht. Hatte er eine Fährte aufgenommen, trieb es ihn mitten in der Nacht hinaus in die Dunkelheit. Er streifte durch Wiesen, Wälder, Gassen und Strassenzüge und liess sich dann im Flur nieder, durchnässt bis auf die Knochen, das Fell vom Winde verweht, die Nase noch feucht vom Tau und die Pfoten, zerkratzt von harten Erdklumpen, Zweigen im Dickicht und Tannnadeln auf dem erdigen Boden. In stetiger Unruhe, wachsam mit einem Auge die Haustüre im Blickfeld, rollte sich das haarige Bündel auf dem Boden zusammen. Grace war hin- und hergerissen zwischen zärtlicher Neigung, mütterlicher Besorgnis, menschlichem Unverständnis und kindlicher Verunsicherung. Es kümmerte ihn nichts. Weder die Gestirne auf ihrer Bahn oder die Gezeiten noch Sonne, Mond, Wind und Wetter konnten den Rhythmus des Tieres beeinflussen.

Es faszinierte sie, wie er rücksichtslos dem Trieb seiner Freiheit folgte, völlig ungebunden agierte, immer auf der Spur nach einem Geruch oder nach einem Geräusch.  Es war eine Freiheit so kompromisslos und bedingungslos wie Grace sie nie erlangen konnte. Eine Freiheit, die alle Grenzen sprengt und die nur ein Raubtier in all seiner Pracht ausleben kann. Eine Freiheit, die Grace mit ihren menschlihen Verpflichtungen und weiblichen Kaprizitäten nie ausleben kann. Mit dem Wolf als unregelmässiger Gast konnte sie einen Hauch davon erhaschen und mitnehmen in ihre Träume, fern der Realität.

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Geschichten von Grace

Vergängliches Winterwunder

Der Sommer ist die Lieblingsjahreszeit von Grace. Sie liebt die Wärme, das helle Licht, die lauen Sommerabenden, das Geplapper und Lachen der Menschen in den Gärten und auf dem Balkonen, die zarten Farben und Düfte der Blumen, das Flimmern der heissen Luft und der Geschmack des Asphalts nach einem Gewitter – ja das ist ihre absolute Lieblingszeit. Der Sommer ist für sie das Leben pur, Lebensfreude, Glück, Hoffnung, Liebe und Herzenswärme,  sprühende Gemüter,  farbenfrohe Seelen und strahlende Augen, vereint in einem bunten Strauss. Dieser Sommer wird in die Analen der Geschichte eingehen – er war heiss, sehr heiss. Er sorgte für durstige Kehlen und eine glühende  Atmosphäre, für viel Schweiss und hitzige Gemüter.
Grace macht in diesem Sommer, der gnadenlos alles niederbrannte, ohne Rücksicht auf Verluste, jedoch eine ganz neue Erfahrung: Dieser Sommer kostet ihre unendlich viel Kraft und Energie. Er erfüllte sie mit einer tiefen Unruhe, mit viel Schmerz und Trauer. Tränen pflastern ihren Weg durch diese Sommeridylle. Ihr Körper und ihre Seele versagten jeglicher Harmonie und sie versucht verzweifelt wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Noch immer fragt sie sich, was stimmte mit diesem Sommer nicht? Wieso verwirrte mich diese für mich schönste Zeit des Jahres so sehr?

Väterchen Frost

Wäre es Winter gewesen, so hätte sie sich diese Fragen erst gar nicht gestellt. So hätte sie es hingenommen mit der Begründung, dass sie den Winter noch nie gemocht hatte. Eis und Kälte setzen Grace, die selbst im Sommer friert, arg zu. Schnee und rutschige Strassen sind für sie bloss ein Hindernis im Alltag, wofür sie viele Nerven braucht. Die düsteren, nebligen Tag schlagen ihr aufs Gemüt und stimmen sie melancholisch. Die Natur ist tot und genau so fühlte sich ihre Seele während der dunklen Zeit an. Da können glitzernde Lichter, bunte Weihnachtsbäume, heisse Getränke, der Duft nach Zimt und Koriander, das Fest der Liebe, zauberhafte Winterlandschaften und edle Pelzmäntel nichts daran ändern. Diese Jahreszeit reizt ihre verletzten Bandscheiben und öffnet tief in ihrer Seele die dunkelsten Tore. Nein, Grace hat sie noch nie auf den Winter gefreut, er ist ihr ein Gräuel. Und jedes Mal ist es schwieriger, eine Überlebensstrategie zu entwerfen: Sauna, Dampfbad, Wärmedecken, Lichttherapien, Vitamin D-Tropfen und vieles mehr. Doch nach 40 Jahren freut sich Grace zum ersten Mal auf den Winter – das hätte sie sich nie träumen lassen. Der wunderschöne, prächtige Herbst war wie Balsam für ihre lädierte Seele. Er gab ihr kühlere Luft zum Atmen und brachte ihrem Körper Harmonie – eine angenehme Verschnaufpause im goldgelben Licht.

IMG_2638Und nun steht der Winter vor der Türe: Sein leises Klopfen beunruhigt Grace nicht mehr wie in früheren Jahren. Dieses Mal wird sie diesen hageren Besucher mit Freuden und ohne Vorurteile empfangen. Sie wird ihm die Hand reichen und versuchen seine Vorzüge zu erkennen.  Seine Kälte mag sie immer noch nicht, aber dafür gibt es wundervolle Pelzmäntel, strassbestickte Mützen mit einer neckischen Zottel, warme Stiefel und prinzessinnenähnliche Capes, warmen Glühwein, heisse Suppen und feine Lebkuchen. Zauberhafte Lichtergirlanden, stimmungsvolle Weihnachtsmärkte  und das Glucksen der warmen Radiatoren  bringen Grace Geborgenheit. Väterchen  Frost lässt die Natur ruhen, gibt ihr eine Verschnaufpause, um dann wieder zu erwachen und in frische Pracht zu erblühen.

Bilanz ziehen

Der Winter ist eine Zäsur im Zyklus der Natur. Genauso für Grace. Der Winter lädt sie ein, innezuhalten, Bilanz zu ziehen, sich zu versöhnen mit Körper und Seele, Luft zu holen, um klar zu denken. Er reicht ihr die Hand und gibt ihr damit die Chance, einen Blick in seinen Eisplast zuwerfen und auf dem Schlitten, das feine Glöckchen des Pferdezaums im Ohr und zugedeckt mit kuscheligen Lammfellen, sein märchenhaftes Reich zu erkunden. Für die äusserst feinfühlige und sensible Grace mit einem Faible für Fantasiegestalten und Märchen dürfte dies eine ganz besondere Reise werden.  Eine Reise in die kälteren Gefilde ihrer Seele. Eine Reise, die sehr viel Mut und Selbstvertrauen voraussetzt. Eine Reise, auf der sie ihrer Verletzlichkeit, ihrer gläsernen Dünnhäutigkeit, ihrer Verwundbarkeit, greifbar wie ein klirrender Eiszapfen, begegnet. Eine Reise, dies sie stärker macht und auf eine Art frei, obwohl sie sie in die dunkelsten Ecken ihres Herzens führt. Eine Reise, die trotz allem die unfassbare Schönheit hinter gedämpften Schleiern zeigt und im Lichterglanz endet und ihr Geborgenheit und Wärme bringt.

Und wenn sie die Hand ausstreckt und eine Schneeflocke auf der warmen Innenfläche ihrer Hand verblasst, dann wird Grace klar: Der Winter ist ein Wunder – und so vergänglich wie alles auf dieser Welt. Es braucht ihn, er hat seine Berechtigung wie all die anderen Jahreszeiten. Wir sind auf dieser Welt nur zu Gast und haben das Privileg, dieses Wunder immer wieder zu empfangen.

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Träumereien

Rosengasse 10

IMG_2147Wer die Hausnummer 10 in der Oltner Rosengasse sucht, der wird nicht fündig. In der historisch bedeutungsvollen Strasse direkt neben dem Bahnhof  gibt es kein Haus Nr. 10. Bereits auf dem Stadtplan von 1906, auf welchem die Arbeiterhäuschen noch mit 300er-Nummern ausgestattet waren, zeigt sich eine Lücke in der Nummerierung. Die heutige Nr. 10 war offensichtlich damals schon eine sogenannte Springnummer. Das Auslassen einer Hausnummer ist gemäss Stadtarchivar Dr. Marc Hofer nichts Ungewöhnliches. Fehlende finanzielle Mittel oder eine grosszügigere Bauweise als geplant, hätten dazu geführt. Nicht so in der Rosengasse: Haus Nr. 10 ist ein unsichtbarer Blütentraum, sein Fundament sind rote, hölzig duftende Rosenblätter, sein Dach ein Netz aus Träumen und  Wünschen der Bewohner der Rosengasse. Der Hausherr jedoch ist Roseman, der Held der Rosengasse mit einer Rosenknospe auf seiner Brust.  Sein Abbild prangt an der Hauswand neben dem „Galizia“. Seine Mission ist das Wohl der Rosengässler. Und wenn die Sommerbrise die Rosenblätter  durch die Strasse weht, und  ein Hauch von Rosenwasser die rechte Aareseite erfüllt, dann war Roseman unterwegs und der Eingang von Haus Nr. 10 ist greifbar nah.

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Auf die Katz gekommen

Das Morgenritual

Im Halbschlaf nehme ich die Dämmerung wahr und zugleich den weisse Schatten, der sich auf der Fensterbank sachte regt. Mit dem ersten Ton des Weckers kommt Bewegung in die schemenhafte Gestalt. Mit einem dumpfen Aufprall landet der weisse Fleck auf dem Boden. Einmal zur Seite drehen, das feine Klacken der Krallen im Ohr, und schon schaue ich in ein gelb-grünes Augenpaar. Sachte, fast zärtlich streifen mich die feinen Grannen- und Schnauzhaare des Tieres. Ich höre das rhythmische Gurren und Schnurren im Innern des flauschigen Bündels und rieche den Atem des lieblichen Wesens. Das zarte Stimmchen verlangt nach seinem Frühstück.

FullSizeRenderNicht fordernd oder vorwurfsvoll, leise, höflich bittend. Noch bevor ich meinen Bedürfnissen nachkomme, stehe ich in der Küche und lasse mich vom penetranten Geruch des Büchsenfleisches wecken. Und dann folgt der schönste Teil dieses Morgenrituals: Ich schaue der Katze beim Fressen zu: Meine Augen verlieren sich im samtenen Fell, unsere Gefühlswelten nähern und entfernen sich wie Ebbe und Flut, überschlagen und berühren sich, sachte, nur für einen kurzen Moment. Wenn Chou-Chou dann gesättigt und zufrieden auf der Fensterbank sitzt und sich ausgiebig putzt, dann kann der Tag für mich beginnen.

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Sammelsurium

Herr der Ordnung

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Cuno Affolter in seinem ehemaligen Atelier in Lausanne. Foto: André Albrecht

Überbordend, überwältigend. Ein grosses Sammelsurium von Ding des alltäglichen Gebrauchs auf kleinstem Raum. Auf den ersten Blick scheint das Auge überfordert zu sein, diese Fülle der tausend  Dinge, von der Strecknadel zum Schädel, vom Stickrahmen zur Bergsteigerausrüstung  auf einmal verarbeiten zu können. Blitzschnell wird das Gehirn überflutet mit Eindrücken, farbig, mannigfaltig, bunt und prächtig. Innert Sekunden flitzen Gedanken, Erinnerungen, Assoziationen wie kleine Blitze und glühende Lichtstrahlen durch das Gehirn. Wehmütig bleibt das Auge an einem Gegenstand haften und entführt den Betrachter in eine andere Welt. Er lässt alte Zeiten wieder aufblühen, um in der nächsten Sekunde wie ein ausgeblasener Kerzendocht zu erlischen. Ein Woge der Freude, gepaart mit einem Glücksgefühl, bahnt sich beim Erhaschen eines anderen Gegenstandes ihren Weg vom sogenannten Sonnengeflecht den Bauch hinauf, um Bilder der Geborgenheit und des Wohlgefühls blitzschnell abzurufen und erglimmen zu lassen.
Faszinierend. Mit einer unglaublichen Akribie hat der Erschaffer dieser Ordnung in mühsamer Arbeit Gegenstand um Gegenstand fein säuberlich in Reih und Glied angeordnet und aufgereiht. Getrieben vom einer unbändiger Lust des Sammelns hat er mit viel Herzblut innerhalb von Jahren diese Gegenstände zusammengetragen. Getrieben vom Drang nach Ordnung, nach Struktur, festem Boden und Halt pilgert er von Brockenhaus zu Brocante, von Flohmarkt zu Auktion. Ein Suchender, der fast manisch auf alten Dachstöcken stöbert, alte Truhen und Kisten öffnet, in Schränken und Schubladen wühlt. Er wischt Scherbe um Scherbe fremden Lebens zusammen. Er erweckt Raritäten und Trouvaillen vergangener Zeit aus dem Dornröschenschlaf. Er haucht alten Geschichten neues Leben ein. Bruchstück um Bruchstück klebt er zusammen und fügt sie zu einem Ganzen zusammen. Mit den Träumen früherer Besitzer stillt er seinen Durst nach Ruhe und Harmonie. Mit der neuen Anordnung fremder Alltäglichkeiten webt er den Stoff, um damit seine emotionalen Wunden zu verbinden. Geschickt verbindet er Vergangenheit und Gegenwart, konstruiert neue Welten, kreiert neue Perspektiven, erschafft neue Räume,  spielt mit Illusionen, weckt Idee und erzählt spannende Geschichten: Traurige, glückliche, melancholisch anmutende, befremdende und bizarre, geheimnisvolle und  bezaubernde.
Detailliert, strukturiert, arrangiert, dekoriert, formatiert. Eine Welt, in der jeder Gegenstand, jede und jeder seinen Platz hat, gibt dem Herr der Ordnung Sicherheit. Im Therapiezimmer ist die Welt in Ordnung: Da tummeln sich Billardkugeln neben Globen, Tastaturknöpfe  einer alten Schreibmaschine liegen wohl eingebettet neben eine Schachtel Zwirnspulen. Ein Duzend Messbänder schlängeln sich in einem antiken Glasbehälter, während hölzerne Kleiderbügel kunstvoll zu einem exquisiten Mobile zusammengefügt sind. Da türmen sich Vergrösserungsgläser, Taue, Radiergummis und Farbstifte. Alte Bilder, Grafiken, Darstellungen, Diagramme und Sternbilder zieren die Wände.Träume, Fantasien, Visionen, Hoffnungen verfliessen miteinander, überwinden innere und äussere Grenzen und formatieren sich zu einem wundervollen Sammelsurium.
Spiegelbildlich. Das Selbstbildnis des Herrn der Ordnung findet sich in Schiefertafeln, einem Knäuel Schnur, Bleistifte, Schreibblöcke usw., feierlich aufgebahrt in einer schwarzen Barke. Da liegt er still und friedlich, eingetrocknet das Blut seiner einstigen Wunden. Auf den Spuren gelebter Leben baut der Herr der Ordnung sein Reich und schafft neue Bahnen. Vorsichtig, zaghaft, sorgfältig sucht er nach seinen eigenen Tritten. Schritt für Schritt bändigt er das Chaos, dass einst in ihm wütete, ihn mit seinen kräftigen Pranken die Kehle zu schnürte. Gepeinigt, sich im Kreise drehend, schüttelt er diese bizarre Ohnmacht ab. Mit seinem systematischen Ordnungsdrang bekämpft er Hoffnungslosigkeit und Verlorenheit und schafft Platz für Zuversicht und Hoffnung. Leidenschaft und Disziplin halten Chaos und Verzweiflung in Schacht, bringen die gepeinigte Seele in Einklang mit Körper und Geist.
Vergänglich. Fast greifbar ist die Melancholie, vermischt mit dem Glanz der Vergangenheit, die wie ein unsichtbarer Schleier im Therapiezimmer schwebt. Ein Hauch Nostalgie hat sich zwischen den abgewetzten Buchdeckeln, den abgeschabten Oberflächen, den zerstörten Strukturen, den verloren gegangenen Buchstaben und den Spuren der Zeit eingenistet. Was einst glänzte und glimmerte, erscheint matt im Sonnenlicht. Eine Welt der tausend Dinge, vergangen und doch so lebendig wie nie zuvor, zusammengehalten von straffen Zügeln. Mit starker Hand regiert der Herr der Ordnung. Nichts wird dem Zufall überlassen, alles scheint durchstrukturiert zu sein. Nur das Mass, die Fülle der Dinge lassen das einstige Chaos, Unverbindlichkeit, Desorientierung, Pein und Schmerz erahnen, den Hilferufe nach geordneten Verhältnissen. Mit Worten allein ist diese fantastische Welt nicht zu beschreiben. Auch der Verstand kann die feinen Fäden, mit welchen dieses Reich zusammengehalten wird, nicht alle erkennen und erfassen. Lassen wir uns von diesen mysteriösen, unergründlichen Mächten dieser Welt verzaubern mit der Gewissheit eines wunderbaren Zaubers getragen zu werden.

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Geschichten von Grace

Erinnerungen

Grace steht am Fenster und betrachtet die Bäume im Garten. Stumm stehen sie da und beenden einen weiteren Tag in ihrem unendlichen Dasein. Die Dämmerung bricht herein und färbt ihre Blätter immer dunkler. Leichte Melancholie mit einer Prise Sehnsucht nach warmen Sommertagen in der Stadt befällt Grace. Ihre Gedanken schweifen ab und eine Seifenblase in den schillerndsten Farben hüllt sie ein, entführt sie in eine andere Welt jenseits vom Jetzt und lässt sie träumen von vergangenen Tagen – von glücklichen Stunden in ihrer Traumstadt Wien.Vor ihrem inneren Auge ziehen Bilder von einer pulsierenden Stadt mit monumentalen Gebäuden, Palästen und Sehenswürdigkeiten vorbei. Sie glaubt das Geklapper der Pferdehufe, vermischt mit dem Summen und Rattern des modernen Verkehrs, zu hören, den eigentümlichen Geist von Sisi in den Kaiserappartements zu spüren und den süsslichen, intensiven Geruch nach Pferdedung zu riechen. Glitzernde Swarovskiwelten, prunkvolle Säle, wundervolle Gemälde, der Geschmack nach süsser Sahne, kühles Gras im Stadtpark, heisser Asphalt und das Zirpen einer Geige tanzen eine bunten Reigen, überschlagen sich und formen immer neue Variationen einem Kaleidoskop gleich.

Zeit der Träume

IMG_2671Adrenalin schiesst durch Grace`s Adern und Endrophine fliessen wie sprudelndes Quellwasser in jede Faser ihres Körpers. Ihre Seele schlägt Purzelbäume und badet in Glückseligkeit. Heisshungrig ist die Sehsucht nach diesen frohgemuten Stunden, wie ein aufgeblasener Luftballon wird sie immer grösser, drängender, fordernder – und zerplatzt. Mit einem Schlag wird Grace ins Hier und Jetzt zurückgeholt. Auf ein Parkett, wo es gilt geschickt die Tücken des Alltags zu meistern, über Abgründe zu balancieren, jeden Tag Schlachten zu schlagen mit dem Kopierer, der nicht funktionieren will, dem brüllenden Kind im Abteil nebenan oder einem verstopften Abfluss. Hier wird der gemütliche, geschmeidige Walzer zum herausfordernden , temperamentvollen Tango. Und wenn Grace die alltägliche Tanzfläche verlässt, müde, die eleganten Riemchenschuhe über den Schultern, ein letzter Hauch Chanel 5 hinter sich herziehend und ein mattes Lächeln im Gesicht, schliesst sich der Kreis und die Zeit der Träume, Illusionen  und Erinnerungen beginnt….

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Meine Reise nach Wien

Vom Autoreisezug in Sisi’s Gemächer

Mit quietschenden Bremsen kommt der Zug zum Stehen: Endstation – Wien Westbahnhof. Ein schwüler Wind weht mir entgegen als ich zusammen mit André aussteige. Die Dämmerung hat sich bereits über die Hauptstadt Österreichs gesenkt. Fünf Minuten später klettere ich auf den Wagon des Autoreisezuges, auf welchem das Auto mit samt Gepäck mitreiste. Nach einer kurzen Fahrt durch ein Labyrinth von Einbahnstrassen erreichen wir unsere Pension ganz in der Nähe der Mariahilfer Strasse, der bekanntesten und grössten Einkaufsstrasse Wiens. Im Vergleich dazu ist die Zürcher Bahnhofstrasse einiges kleiner.Fast jeder Zentimeter in dieser Stadt ist irgendwie geschichtsträchtiger Boden. Auf Schritt und Tritt begegnen wir hier prächtigen Gebäuden, Denkmäler, Kirchen und anderen Bauten aus der glamorösen Kaiserzeit.  Immer wieder ein Erlebnis ist es für mich – ich bin nun das dritte Mal in Wien – wenn ich aus der U-Bahn komme, im Gewimmel dieser multikulturellen Stadt stehe und sich vor mir die immense Silhouette des Stephansdoms erhebt. Da überfällt mich Ehrfurcht vor den Generationen, die dieses Gotteshaus lange vor meiner Zeit gebaut haben, und Ehrfurcht vor der „göttlichen Kraft“, deren zu Ehre dieser Prunkbau erstellt wurde. Mitten auf dem Stephansdomplatz fühle ich mich mit ganz anderen Dimensionen komfrontiert als ich dies von unserem kleinen Land gewohnt bin. Ich fühle mich als ganz kleines Rädchen, das im grossen Kosmos der Geschichte mitdreht –  ein Mosaikteilchen im Universum der Ahnen, Generationen und der Naturkräfte.

Auf Sisi`s Spuren

Die unsterblichen Geister des wohl bekanntesten Kaiserpaars Franz Josef und Sisi wandeln immer noch in den Strassen und Gassen von Wien und halten den Zauber einer längst vergangenen Zeit am Leben. Sie folgen uns und begleiten uns tagtäglich währendunseren Stadterkundungen. Immer wieder begegnen wir Ort, Plätze und Räumlichkeiten, wo einst die bezaubernde Kaiserin gelebt hat. Wir lassen uns in den Kaiserappartments in der Hofburg, in welcher die kaiserliche Familie hauptsächlich im Winter residierte, in eine längst vergangene Ära entführen. Die unzählichen Gegengenstände in der ehemalige Hofsilber- und Tafelkammer geben ein Einblick in den kaiserlichen Haushalt und die höfische Tafelkultur: Feinstes Porzellan aus aller Welt, goldenes Besteck, üppig verzierte Kerzenständer, filigrane Gläser und Weinkaraffen dokumentieren eindrücklich diesen äusserst aufwendigen Lebenstil in der Monarchie. Es ist für mich unmöglich alles genau anzuschauen. Ich werde fast blind von dem vielen Prunk und absolviere die letzten Vitrinen im Laufschritt. Ich stelle mir vor wie stundenlang ein ganzes Heer von Bediensteten die Tafel gedeckt und dann wieder abgeräumt haben, bemüht die edlen Stücke ja nicht zu beschädigen. Ebenso dauerte es wohl auch stundenlang, bis man sich durch die verschiedenen Gänge durchgegessen hatte. Dazu musste man kerzengeradeauf dem Stuhl sitzen, Konservation führen und immer adrett lächeln. Welche Pein muss es auf die Dauer sein, wie ein Roboter zu funktionieren, die Hofetikette einzuhalten und Emotionen und Gefühle zu unterdrücken. Ich kann mir gut vorstellen, wie sich die junge Elisabeth gefühlt haben muss, als sie an den Kaiserhof kam, wie erdrückt sie war von all den Vorschriften und Verhltensregeln, dem Prunk und der Üppigkeit am Hofe.  Wie ihr dieses strenge höfische Korsett zu eng wurde und aus dem unbeschwerten Mädchen Sisi eine rastlose, unnahbare und schwermütige Frau wurde. Im Sisi Museum begegne ich der wahre Persönlichkeit der vielfach missverstandenen Kaiserin. Die Sonnen- und Schattenseiten ihre Lebens faszinieren mich. Schwer liegt die Melancholie und Traurigkeit, welche die menschenscheu Elisabeth so oft umgeben haben, im Raum. Fast greifbar ist die Fessel der Schwermut, von der sie sich ein lebenlang nie befreien konnte. Es ist als höre ich das Rascheln der feinen Stoffen ihrer Kleider und das Rattern ihres luxoriösen Hofsalonwagon, als rieche ich das Leder ihre kleinen Schuhe und als fühle ich den Luftzug ihres kunstvoll verzierten Fächers. Vor meinem inneren Auge sprühen die Funken ihrer langen Haar beim Bürsten. Ich müsste nur die Hand ausstrecken und dann könnte ich ihre edlen Toiletten-Accessoires berühren. Die Vergangeheit lullt mich in diesen Gemächer ein, gaukelt mir ein Leben vegangener Zeit vor und  entführt mich für einen Augenblick jenseits von Zeit und Raum. Erst meine Schritt auf der Marmorstreppe, die segend Hitze draussen und das Klappern der Pferdehufe auf den Plastersteinen, vermischt mit dem Knattern und Rattern der Auto- und Töffmotoren sowie dem Grollen der Strassenbahn, schlagen eine Brücken zwischen dem imperialen und dem modernen Wien und holen mich zurück im mein Leben im Jahre 2014.
Doch ein wenig kann ich mich trotzdem als Sisi fühlen in unserer zweiten Unterkunft im romantischen Himmelbett des stilvollen Hotels Kugel im Herzen von Wien.

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